19. September 2002    
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Wir brauchen eine neurobiologische Forschung, die ohne Vorurteile arbeiten darf
 
Für eine Neurobiologie ohne Vorurteile / Von Steven Pinker

Warum werden empirische Fragen nach der Funktionsweise des Geistes mit so großen politischen, moralischen und emotionalen Lasten befrachtet? Warum fürchten die Menschen so gefährliche Folgen, wenn man sagt, der Geist sei ein Produkt des Gehirns, das Gehirn verdanke seine Struktur zum Teil dem Genom, und das Genom habe seine Gestalt durch natürliche Selektion erhalten? Bei der Auseinandersetzung mit dieser Vorstellung werden von rechter wie linker Seite immer wieder Anschuldigungen und Vergleiche vorgetragen, die auf die Nazis verweisen. Diese Reaktion hat Auswirkungen auf die alltägliche Arbeit der Naturwissenschaftler und auf das Ansehen der Wissenschaft in der Öffentlichkeit.

Die heutigen Intellektuellen fürchten sich aus vier Gründen vor der Erforschung der genetischen, neurobiologischen und evolutionären Grundlagen der menschlichen Natur. Der erste Grund ist die Angst vor Ungleichheit. Der große Reiz der Lehre, wonach der Geist eine Tabula rasa darstellt, liegt in der schlichten mathematischen Tatsache begründet, daß null gleich null ist. Wenn wir alle bei Null beginnen, kann niemand mehr auf seiner Tafel haben als andere. Wenn wir jedoch mit einem großen Satz geistiger Fähigkeiten geboren werden, könnten sie bei manchen Menschen anders, nämlich besser oder schlechter, funktionieren als bei anderen. Das öffnete dann Tür und Tor für Diskriminierung, Eugenik, Versklavung oder gar Völkermord.

Doch das ist ein Fehlschluß. Wenn wir für politische Gleichheit eintreten, behaupten wir ja nicht, die Menschen seien Klone. Vielmehr erheben wir den moralischen Anspruch, daß wir die Menschen in bestimmten Bereichen als Individuen behandeln sollten, statt auf den statistischen Durchschnitt der Gruppe zu schauen, der sie angehören. Außerdem erkennen wir damit an, daß die Menschen gewisse Dinge gemeinsam haben. Niemand möchte gedemütigt oder unterdrückt oder versklavt werden. Wer für politische Gleichheit eintritt, der erkennt an, daß die Menschen unveräußerliche Rechte besitzen, aber er braucht keineswegs zu meinen, sie wären in jeglicher Hinsicht ununterscheidbar.

Die zweite Furcht ist die Angst vor der Verbesserungsunfähigkeit des Menschen. Wenn bestimmte Fehler und Mängel wie der Hang zu Egoismus, zu Vorurteilen, zu Kurzsichtigkeit und Selbstbetrug den Menschen angeboren sind, wären politische Reformen bloße Zeitverschwendung. Auch dieses Argument ist falsch. Wir wissen, daß gesellschaftliche Verbesserungen möglich sind, weil es solche Verbesserungen bereits gegeben hat; man denke an die Abschaffung von Sklaverei, Folter, Blutfehde, Despotie und des Besitzes von Frauen in den westlichen Demokratien. Der menschliche Geist stellt ein komplexes System dar. Wir können Wege finden, unsere unterschiedlichen Motive gegeneinander auszuspielen und so unsere Lebensbedingungen zu verbessern.

Die dritte Furcht ist die Angst vor dem Determinismus, also die Befürchtung, wir dürften die Menschen nicht länger für ihr Tun verantwortlich machen, weil sie sich stets auf ihr Gehirn oder ihre Gene oder ihre Entwicklungsgeschichte, also auf evolutionsbedingte Zwänge oder Killergene, herausreden könnten. Die dümmsten Ausreden für Fehlverhalten beziehen sich aber in der Regel nicht auf biologische Zusammenhänge, sondern auf Umweltbedingungen. Das gilt etwa für die Ausflucht mancher Vergewaltiger, wonach die Pornographie sie zu dem gemacht habe, was sie sind. Wenn hier eine Bedrohung für die Verantwortung des einzelnen vorliegt, dann resultiert sie nicht aus der biologischen Determinierung allein, sondern aus jeglicher Determinierung einschließlich der Prägung durch Kindheitserfahrungen, Massenmedien, soziale Konditionierung.

Die letzte Furcht ist die Angst vor dem Nihilismus. Wenn sich zeigen läßt, daß all unsere Motive und Werte Produkte der Hirnphysiologie sind, die ihrerseits von den Kräften der Evolution geprägt worden ist, dann wären sie in gewissem Sinne nur Schein und besäßen keine objektive Realität. Dann liebte ich mein Kind nicht wirklich, sondern versuchte nur egoistisch, meine Gene weiterzugeben. Wer so argumentiert, übersieht den Unterschied zwischen der "nächstliegenden" Erklärung (den Dingen, die für mich angesichts der Beschaffenheit meines Gehirns bedeutsam sind) und einer "Letzterklärung" (dem Evolutionsprozeß, der mir dieses Gehirn gegeben hat). Ja, die Evolution ist ein kurzsichtiger egoistischer Prozeß, in dem die Gene nach ihrer Fähigkeit selektiert werden, möglichst viele Kopien ihrer selbst herzustellen. Aber nichts hindert den egoistischen, amoralischen Evolutionsprozeß, über die natürliche Selektion einen Organismus hervorzubringen, der ein großes Gehirn, soziale Fähigkeiten, moralisches Empfinden besitzt.

Es gibt eine quasireligiöse Theorie der menschlichen Natur, die man vor allem bei Gelehrten und Intellektuellen antrifft. Sie besteht aus drei Teilen. Der erste Teil ist die Lehre der Tabula rasa, wonach wir keine angeborenen Talente und Temperamente besitzen, da der Geist vollständig von der Umwelt geprägt werde, von den Eltern, der Kultur und der Gesellschaft. Der zweite ist die Idee des "edlen Wilden", für die der Mensch seinem Wesen nach gut ist und alles böses Streben auf den Einfluß gesellschaftlicher Institutionen zurückgeht. Der dritte Teil ist die Vorstellung eines "Geistes in der Maschine", wonach gerade das Wichtigste in uns unabhängig von unserer Biologie ist, so daß unsere Fähigkeit, Erfahrungen zu machen und Entscheidungen zu treffen, nicht durch unsere physiologische Ausstattung oder Entwicklungsgeschichte erklärt werden kann. Diese drei Vorstellungen werden zunehmend in Frage gestellt.

Die Vorstellung einer Tabula rasa ist durch eine Reihe von Entdeckungen erschüttert worden. Eine davon ist die schlichte logische Feststellung, daß Lernen, Kultur und Sozialisation, so wichtig sie sein mögen, nicht auf Zauberei beruhen. Es muß ein angeborenes Schaltungssystem geben, das dieses Lernen ausführt, das Kultur hervorbringt, sie übernimmt und auf Sozialisation reagiert. Wenn wir diese Lernmechanismen genauer spezifizieren wollen, müssen wir für das Denken einiges an angeborener Struktur voraussetzen.

Die Vorstellung der Tabula rasa ist auch durch die Verhaltensgenetik erschüttert worden, die herausgefunden hat, daß die Persönlichkeits- und Intelligenzunterschiede in einer Gesellschaft mindestens zur Hälfte auf genetischen Unterschieden basieren. Den dramatischsten Beweis liefert die Tatsache, daß eineiige Zwillinge, die unmittelbar nach der Geburt getrennt wurden, unglaubliche Ähnlichkeiten bei Talenten und Geschmack aufweisen.

Die Lehre vom edlen Wilden wiederum ist durch eine Revolution in unserem Verständnis nichtstaatlich-organisierter Gesellschaften erschüttert worden. Viele Intellektuelle glauben, Gewalt und Krieg seien bei Jägern und Sammlern seltene, allenfalls ritualisierte Erscheinungen, der Kampf ende dort stets, sobald der erste Mann gefallen ist. Doch nach neueren Studien lag die Tötungsrate bei prähistorischen Völkern viel höher als in den modernen Gesellschaften - selbst unter Berücksichtigung der beiden Weltkriege. Außerdem gibt es Beweise dafür, daß schlechte Charaktermerkmale wie Gewalttätigkeit, Gewissenlosigkeit oder Aufsässigkeit in erheblichem Umfang erblich sind. Wahrscheinlich gibt es im Gehirn aller Primaten Mechanismen, die der Gewalt zugrunde liegen. All das legt den Schluß nahe, daß wir die Schuld an den Dingen, die wir an uns selbst nicht mögen, nicht einfach den Institutionen einer bestimmten Gesellschaft zuschieben können.

Der Geist in der Maschine schließlich ist von der Kognitionswissenschaft und der Hirnforschung ausgetrieben worden. Die Kognitionswissenschaft gründet in dem Gedanken, daß wir das Denken als Informationsverarbeitungsprozeß und die Motivation oder die Emotionen als Feedbacksysteme begreifen können. Leistungen und Phänomene, die früher ausschließlich auf mentale Prozesse zurückgeführt wurden, zum Beispiel Überzeugungen, Wünsche, Intelligenz oder zielgerichtetes Verhalten, lassen sich heute physikalisch erklären. Und die Hirnforschung hat gezeigt, daß unser Denken und Fühlen, unsere Triebe und unser Bewußtsein vollständig von den physiologischen Aktivitäten des Gehirns abhängen.

Verständlicherweise war das geistige Leben im zwanzigsten Jahrhundert geprägt von der Abscheu vor den Nazis mit ihren pseudowissenschaftlichen Rassentheorien und ihrer unsinnigen Verherrlichung des Kampfes als Teil der evolutionären Weisheit der Natur. Bemerkenswert ist aber die Tatsache, daß die beiden großen, ideologisch begründeten Völkermorde des zwanzigsten Jahrhunderts sich auf diametral entgegengesetzte Theorien der menschlichen Natur stützten. Die Marxisten hatten keine Verwendung für das Rassenkonzept, sie glaubten nicht an Gene und lehnten Darwins Theorie ab. Das macht klar, daß nicht der biologische Ansatz allein für diese schrecklichen Folgen verantwortlich sein kann. Nazismus und totalitärer Marxismus müssen etwas gemeinsam haben, das quer zum Glauben an die Bedeutung der Evolution oder der Genetik liegt.

Eine Gemeinsamkeit war der Wunsch, die Menschheit umzuformen, ihre Mängel und Schwächen zu beseitigen. Die Marxisten griffen dazu nach den Mitteln der Sozialtechnologie, die Nazis nach der Eugenik. Statt eine Sozialordnung um die dauerhaften menschlichen Merkmale herum zu errichten, unternahmen sie den Versuch, die menschlichen Merkmale nach angeblich wissenschaftlichen, in Wirklichkeit jedoch pseudowissenschaftlichen Prinzipien umzumodeln.

In seinem neuen Buch über den Stalinismus schreibt Martin Amis (F.A.Z. vom 10. September), die Intellektuellen hätten die Lehren aus dem marxistischen Totalitarismus noch nicht in derselben Weise verarbeitet wie die Lehren aus dem Totalitarismus der Nazis. Dieser blinde Fleck verzerre bis heute die geistige Landschaft einschließlich der Folgen und angeblichen Folgen der Genetik und der Evolutionstheorie für das Verständnis unserer selbst. Tschechow hat einmal gesagt, der Mensch werde erst dann besser, wenn man ihm zeige, wie er ist. Besser kann man es nicht sagen.

Aus dem Englischen von Michael Bischoff.

Steven Pinker lehrt Psychologie am Massachussetts Institute of Technology. Seine Thesen, die er in dem gerade erschienenen Buch "The Blank State" entwickelt, brachten ihn in dieser Woche bereits zweimal auf die Titelseite der "New York Times".
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.09.2002, Nr. 218 / Seite 37
 
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