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© Facts; 2002-09-26; Seite 92; Nummer 39

Wissen

Psychologie

Die Gene bestimmen sein Leben

Steven Pinker - Der Bestsellerautor hat ein neues Buch veröffentlicht. Er behauptet, der menschliche Geist sei letztlich nur ein Produkt der Evolution.

Von Hubertus Breuer

Der Kognitionspsychologe Steven Pinker ist die Galionsfigur populärer Wissenschaftsliteraten. Mit wehenden Locken, Cowboystiefeln und samtener Stimme schreitet er voran, im Tross Koryphäen wie den Darwinisten Richard Dawkins oder den Kosmologen Brian Greene. Wo einst allein Philosophen und andere Geisteswissenschaftler den Basso continuo im öffentlichen Debattenorchester spielten, mischen Pinker und Co. heute mit, im Umgang mit der Schreibfeder geübt wie mit Pipette und Simulationsprogrammen.

In ihren Büchern werfen sie allerdings eher Schlaglichter auf vertrackte Welträtsel als auf die grossen Fragen des menschlichen Daseins. So erklären sie anschaulich die Evolutionsgeschichte, die Tiefenstruktur des Kosmos oder führen durch die Wunderkammern der künstlichen Intelligenz.

Das Spezialgebiet von Pinker, der am Massachusetts Institute of Technology in Boston forscht, ist die Natur des menschlichen Geistes. Damit streift er das Thema der herkömmlichen Denker noch am ehesten. Sein populäres Erstlingswerk über die genetischen Wurzeln der Sprache, «Der Sprachinstinkt» (1994), verkaufte sich wie warme Brötchen, ebenso das vor fünf Jahren erschienene «Wie das Denken im Kopf entsteht». Mit solchen Erfolgen im Rücken kann sich Pinker auch einen Flop leisten. Die halbe Million Dollar, die der Popintellektuelle für das Spezialistenwerk «Wörter und Regeln - Die Natur der Sprache» (1999) als Vorschuss erhielt, spielte der Verlag nie wieder ein. «Wie jeder gute Wissenschaftler», bemerkt Pinker dazu, «arbeite ich intensiv daran, immer mehr über immer weniger zu wissen.»

Jetzt tritt der schreibfreudige Psychologe mit einem neuen 500-Seiten-Schmöker an, der ihn wohl wieder in die Hitlisten katapultieren wird: «The Blank Slate» (Viking Press und Penguin Press), das gerade in Grossbritannien und in den USA erschienen ist und dort bereits auf den Titelseiten gefeiert wird. In dem Traktat will Pinker aus unseren Gehirnen ein Gespenst austreiben, das, so meint er, trotz jahrelanger Missionsarbeit in den Köpfen etlicher Intellektueller spukt: den Glauben an die Tabula rasa. Der besagt, die Gesellschaft, nicht biologische Anlagen, präge den Menschen. Diesem Mythos setzt der Forscher den Befund entgegen, dass «der Geist ein Produkt des Gehirns ist, das Gehirn seine Struktur zum Teil dem Genom verdankt und das Genom seine Gestalt durch natürliche Selektion erhalten hat».

Damit greift Pinker aber kein besonders heisses Eisen auf. Er setzt nur den über zwei Jahrzehnte alten Streit zwischen Evolutionspsychologen, die sich in den Siebzigerjahren noch Soziobiologen nannten, und Gesellschaftswissenschaftlern und Intellektuellen alter Schule fort. Diesen Gegner, den sich der Autor aufbaut, gibt es ernst zu nehmend nicht mehr. Auf den Titelseiten der Magazine prangen regelmässig Geschichten über neueste Entdeckungen der Neurobiologie, Kommentatoren haben in Leitartikeln längst ein neues Zeitalter im Schatten der Genetik ausgerufen.

Die Stossrichtung wirkt besonders amüsant, gehört doch Pinker selbst zur Truppe jener Forscher, die der Öffentlichkeit in den letzten zehn Jahren geradezu als metaphysische Sinnspender dienten. Sie erzählen, woraus wir gemacht sind, woher wir kommen und was noch vor uns liegt - die Sonderlinge im Laborkittel umflort ein fast heiliger Glanz. So gewinnt eine Aussage des Physikers und Naturphilosophen Carl-Friedrich von Weizsäcker aus dem Jahre 1958 erst heute ihre volle Gültigkeit: «Der Wissenschaftler rückt ungewollt in die Rolle eines Priesters dieser säkularen Religion. Er verwaltet ihre Geheimnisse, ihre Prophetie, ihre Wunder.»

Im Zuge des Scheingefechts gelingt es Pinker jedoch, spannende Schlaglichter auf unsere Psyche zu werfen. So nimmt er treffend den Glauben vieler Eltern aufs Korn, ihre Erziehung präge die Sprösslinge stark. Die Wirklichkeit sieht anders aus. So belegen Studien, dass unser Erbgut zu Persönlichkeit und Intelligenz die Hälfte beiträgt. Eineiige Zwillinge zum Beispiel, die in getrennten Familien aufwachsen, haben jede Menge bemerkenswerter Gemeinsamkeiten: Sie erzielen ähnliche Ergebnisse bei Persönlichkeitstests, teilen ihren Musikgeschmack, politische Ansichten usw.

Doch auch auf die nicht genetischen Anteile der Persönlichkeit scheinen die Eltern wenig Einfluss zu haben. Zwei adoptierte, nicht blutsverwandte Kinder, die im selben Haushalt aufwachsen, ähneln sich keinen Deut mehr als zwei beliebig aus der Menge herausgegriffene Personen.

Dafür gibt es zwei plausible Erklärungen: Eine besagt, Geschwister entwickeln untereinander Strategien, um sich voneinander abzusetzen - vor allem, um die Aufmerksamkeit der Eltern zu gewinnen. Die andere verweist auf den lange übersehenen Einfluss der Altersgenossen, mit denen man aufwächst. Pinker propagiert die zweite These und beugt damit geschickt dem Vorwurf vor, er würde genetischem Determinismus huldigen oder die Rolle der Umwelt aus den Augen verlieren. Spielkameraden sind schliesslich Teil der Umwelteinflüsse auf eine sich formende Persönlichkeit. «Letztlich kommt es immer zu einem Zusammenspiel von Gehirn und Umwelt», sagt Pinker denn auch ohne Umschweife.

Die eigentliche Leistung des Buches besteht jedoch darin, die unterschwelligen Ängste auszuleuchten, die viele Menschen angesichts naturwissenschaftlicher Neuigkeiten empfinden, die im Wochentakt von der Entdeckung eines Verbrechergens, autonomen Robotern oder Klonversuchen berichten. So schreibt Pinker von der Furcht, die genetische Sicht würde den Menschen des Sinns des Lebens berauben: «Wenn sich zeigen lässt, dass all unsere Motive und Werte Produkte der Hirnphysiologie sind, die ihrerseits von den Kräften der Evolution geprägt worden sind, dann wären sie in gewissem Sinn nur Schein und besässen keine objektive Realität.»

Dieses Unbehagen entwirrt Pinker, indem er darauf verweist, dass eine moralische Empfindung, nur weil sie durch den Prozess von genetischer Selektion und Auswahl gewachsen ist, keineswegs unbedingt schon ihrer Gültigkeit beraubt ist - wir zweifeln schliesslich auch nicht an den Regeln der Arithmetik, nur weil der Mensch in Jahrmillionen einen kognitiven Apparat entwickelt hat, der es ihm zu zählen erlaubt.

Ebenso entkräftet Pinker die Sorge, der Erforschung biologischer Grundlagen der menschlichen Natur würden zwangsläufig Werte wie Gleichberechtigung zum Opfer fallen: «Wer für politische Gleichheit eintritt, der erkennt an, dass die Menschen unveräusserliche Rechte besitzen, aber er braucht keineswegs zu meinen, sie wären in jeglicher Hinsicht ununterscheidbar.» Ähnlich widerlegt er die Befürchtung, politische Reformen wären überflüssig oder Vergewaltiger könnten mit Verweis auf ihre evolutionär gewachsenen Triebe sich ihrer Verantwortung entledigen.

In Pinkers Traktat findet sich deshalb glücklicherweise nicht nur, wie es auf den ersten Blick scheint, eine heftige Attacke auf die Verfechter der Tabula rasa. Die gibt es heute in ihrer Reinform kaum noch - der Streit ist weit gehend entschieden, ein Kompromiss wurde ausgehandelt. Aber eine gewisse Beklemmung bleibt - und Pinker bringt sie zur Sprache.

Beau: Pinker auf dem Campus des MIT in Boston.

Der Forscher

Der Wissenschaftler Steven Pinker ist Psychologe am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston. Der 48-Jährige beschäftigt sich vor allem mit dem Spracherwerb bei Kindern - und dem Verfassen von Wissenschaftsbestsellern. Er leitet das Department for Brain and Cognitive Sciences, wo Computerfachleute mit Linguisten, Philosophen und Psychologen zusammenarbeiten.

Foto: Rick Friedman/Swiss Press

 

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